{"id":26864,"date":"2019-09-24T21:08:12","date_gmt":"2019-09-24T21:08:12","guid":{"rendered":"https:\/\/hansschmidt.de\/?p=26864"},"modified":"2019-09-24T21:12:19","modified_gmt":"2019-09-24T21:12:19","slug":"in-memoriam-hans-schmidt-ein-nachruf-von-heiner-mueller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hansschmidt.de\/?p=26864","title":{"rendered":"In memoriam Hans Schmidt"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section admin_label=&#8220;section&#8220;]<br \/>\n\t\t[et_pb_row admin_label=&#8220;row&#8220;]<br \/>\n\t\t\t[et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243;][et_pb_text admin_label=&#8220;Text&#8220;]<span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\"><span style=\"font-size: x-large;\"><b>In memoriam Hans Schmidt <\/b><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\"><b>Ein Nachruf auf einen Ausnahmeschriftk\u00fcnstler von Heiner M\u00fcller<\/b><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\"><i>In der Herausarbeitung des Pers\u00f6nlichen, nicht in der Z\u00fcchtung des Perfekten, sehe ich die Chance f\u00fcr den Schriftunterricht und das Schreiben. Vor allem mu\u00df im Unterricht die Autorit\u00e4t der Vorlage abgebaut, dagegen die Phantasie angeregt werden, der Mut zur eigenen Form mu\u00df gest\u00fctzt und das Bewu\u00dftsein der Selbstverantwortung des Studenten mu\u00df aufgebaut werden.\u201c<\/i><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\">So schrieb Hans Schmidt 1983 im damaligen <\/span><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\"><i>hfg-forum<\/i><\/span><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\">, der Zeitschrift der Hochschule f\u00fcr Gestaltung in Offenbach am Main, anl\u00e4sslich seiner Verabschiedung von dieser Hochschule, an der er von 1963 bis 1983 zun\u00e4chst als Dozent und dann als Professor f\u00fcr Typographie und Schrift gelehrt hatte. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\">Und dieser Mut zur eigenen Formfindung ist das, was den Schriftk\u00fcnstler Hans Schmidt so unnachahmlich und unverwechselbar macht: den Buchstaben diese einmalige \u201eHandschrift\u201c zu geben, die dem kreativen Prozess der Formfindung in Korrespondenz mit dem zu verarbeitenden Material eine Erscheinungsform verleiht, die man vergeblich bei einem anderen Schriftk\u00fcnstler finden wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\">Hans Schmidt beschr\u00e4nkte sich bei seiner Arbeit mit den \u201eTypen\u201c nicht nur auf das Papier: Ob Pappe, Holz, Ton, Metall, Kunststoff, Plexiglas oder sonstige Materialien \u2013 im Zusammenwirken mit den von ihm ausgew\u00e4hlten Texten verstand es der Schriftk\u00fcnstler, Wortgestalt und Sinngehalt zu einer Einheit zu verschmelzen \u2013 auch wenn es f\u00fcr den Betrachter seiner Schriftkunst nicht immer einfach ist, die von ihm gestalteten Botschaften zu entziffern. Eine Schriftstele von ihm beinhaltet wohl nicht umsonst den Text <\/span><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\"><i>\u201eDas Problem entsteht durch die Betrachtung.\u201c<\/i><\/span><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\"> Aber wer nicht vorschnell aufgibt und den Textinhalt dann entr\u00e4tselt hat, dem bietet sich ein Aha-Erlebnis der besonderen Art, das Redaktionsmitglied Herbert Heckmann der o. g. Zeitschrift so zum Ausdruck brachte: <\/span><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\"><i>\u201eNach all den Konsumtriumphen g\u00e4ngiger Lesbarkeit, die den Leser zum allesglaubenden, alles hinnehmenden und alles verdauenden Opfer macht, kann nun ein subjektiverer, eigenwilligerer Ansatz, der den Leser nicht widerstandlos einlullt, zum Abenteuer des Lesens einladen.\u201c<\/i><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\">Wie kein anderer hat Hans Schmidt auch nach seiner Verabschiedung von der Hochschule in Offenbach als freischaffender Schriftk\u00fcnstler sich dieser Maxime verschrieben: mit immer wieder neuen, ungew\u00f6hnlichen Buchstaben- und Schriftformen zu experimentieren, diese mit den verschiedensten Materialien umzusetzen und so zu einem ganz besonderen Abenteuer des Lesens und Erkennens einzuladen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\">Im Dezember 2018, als ich Hans Schmidt zum letzten Mal in seinem Zuhause in Badenhard im Hunsr\u00fcck besuchte, fragte ich ihn, ob er sich denn auch mit der herk\u00f6mmlichen Kalligraphie besch\u00e4ftige. <\/span><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\"><i>\u201eWarum soll ich nachschreiben, was ein anderer lange vor mir geschrieben hat? Ich entwickele dagegen immer neue Buchstabenformen\u201c<\/i><\/span><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\">, war seine lapidare Antwort.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\">Er schenkte mir damals eine seiner letzten Arbeiten, einen Holzschnitt, und ich suchte mir einen Text aus, der deutlich macht, wie sehr sich Hans Schmidt auch immer wieder mit dem \u00c4lterwerden und den damit verbundenen k\u00f6rperlichen Beeintr\u00e4chtigungen sowie mit dem Sterben auseinandergesetzt hat: <\/span><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\"><i>\u201eWieder kommt Abschied an auf ganz alten Beinen, die Sprossen der Tage werden t\u00e4glich h\u00f6her.\u201c<\/i><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\">Auch im hohen Alter von 96 Jahren wurde Hans Schmidt bis wenige Wochen vor seinem Tod nicht m\u00fcde, bei seinen Buchstabenkreationen Holz zu s\u00e4gen, zu feilen, Dr\u00e4hte zu biegen, zu l\u00f6ten, Ton zu formen oder Papier zu schneiden \u2013 T\u00e4tigkeiten, die ihm viel Freude bereitet und ihn tief erf\u00fcllt haben \u2013 bis am Ende die Beine doch zu alt und die Sprossen der Tage doch zu hoch f\u00fcr ihn geworden waren und er am 14. Mai 2019 verstarb.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\">Hans Schmidt wurde am 14. Januar 1923 in Leipzig geboren, wo er eine Lehre als Kartolithograph absolvierte. 1942 wurde er in den Wirren des Zweiten Weltkrieges zur Wehrmacht eingezogen, wo er ab 1944 \u2013 dank des erlernten Berufes \u2013 als Kartograph seinen Dienst versehen konnte. Das Schicksal brachte ihn dort mit Rudo Spemann zusammen, der ihm in der wenigen freien Zeit Schriftunterricht gab und seinen Blick f\u00fcr damals namhafte Schriftk\u00fcnstler wie F. H. Ernst Schneidler oder Walter Tiemann weitete. Nach Kriegsende geriet Hans Schmidt in Gefangenschaft, wurde aber wegen Verwundung und Krankheit schon bald entlassen, so dass er nach Leipzig zur\u00fcckkehren und 1947 sein Studium an der Akademie f\u00fcr Buchgewerbe und Graphik aufnehmen konnte. Schon nach vier Jahren wechselte er in den Beruf und arbeitete von 1951 bis 1963 als Typograph bei der Eggebrecht-Presse in Mainz; daneben hatte er Lehrauftr\u00e4ge f\u00fcr Schrift und Typographie an der Landeskunstschule in Mainz, bis er dann schlie\u00dflich, wie eingangs erw\u00e4hnt, an der HfG in Offenbach a. M. lehrte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\">Nach seiner Emeritierung zog Hans Schmidt nach Badenhard in den Hunsr\u00fcck, fernab vom Trubel und der Gesch\u00e4ftigkeit der heutigen Zeit, wo in einer zum Atelier umgebauten Scheune eine neue Phase seiner Arbeit begann, n\u00e4mlich der \u00dcbergang von der Fl\u00e4che in die Dreidimensionalit\u00e4t. So entstanden Schriftzeichen als plastische Formen, als Kuben, als Pyramiden, Kugeln, als Buchstabenlandschaften oder als Stelen, um die man herumlaufen muss, um sie lesen zu k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich der zweiten gro\u00dfen Ausstellung der schriftk\u00fcnstlerischen Arbeiten von Hans Schmidt im Klingspor-Museum in Offenbach am Main im Jahre 2008 sagte Direktor Stefan Soltek \u00fcber den K\u00fcnstler: <i>\u201eAuf Papier gezeichnet, gedruckt, in Holz geschnitzt, in Metall geschnitten, in teigige Tonmasse eingedr\u00fcckt \u2013 Hans Schmidt erweist sich als unersch\u00f6pflicher Meister der Materialien. Allem gewinnt er, genau kalkulierend oder intuitiv, jenes Spezifikum ab, das im Moment der jeweiligen Schaffensweise als Mittel zur Form taugt. Weichheit und W\u00e4rme, Gl\u00e4tte und K\u00fchle, Helligkeit und Dunkel, hoch aufstrebend zur stabartigen S\u00e4ule, breit gelagert als tabula ansata \u2013 Stofflichkeit in der ausgesuchten Beziehung zur Form macht sich Hans Schmidt fast nach Belieben zunutze, ohne je die eigene Stilistik zu verlieren. Stets ist er mit dem Kern seiner selbst zugegen, bedient sich dabei \u2013 als w\u00e4re es seine Signatur \u2013 ungeachtet aller materialen Vielfalt nur einer einzigen Konstante: der Versalie. Die Gemeinen bleiben ausgeklammert. Immer im Gro\u00dfgeschriebenen verbleibend, steigert sich nur umso markanter die Variabilit\u00e4t im Kontext von Form und ihrer stofflichen Ausf\u00fchrung. Gleich in welcher Dimension \u2013 gleichrangig rangiert die bis an die Grenze der Erstarrtheit versachlichte Form neben der geradezu oszillographisch das Temperament des Protagonisten abtastenden Linie; Linie, die im Auf- und Niederfahren Lesart evoziert, die als Haarriss durch Fl\u00e4che oder Kubus f\u00e4hrt. Schriftlinie als Verlaufslinie, als Lebenslinie, mit den verbl\u00fcffendsten Ausschl\u00e4gen, Winkelungen, Steigungen und Abl\u00e4ufen \u2013 alles k\u00fcndet unverstellt und eindeutig von dem am Schriftkanon entlang sp\u00fcrenden Hans Schmidt.\u201c<\/i><\/p>\n<p><a name=\"_GoBack\"><\/a>Auf einem gewebten Schriftteppich von Hans Schmidt aus dem Jahr 1959 hei\u00dft es: <i>\u201eEs gibt keine Grenzen der Dinge.\u201c (Christian Morgenstern)<\/i> Er hat diese Grenzen bis zuletzt ausgelotet, bis er merkte, dass das Ende nahe war. Die Welt der Schrift hat mit Hans Schmidt einen Ausnahmeschriftk\u00fcnstler verloren, einen, der fernab von der Hetze unserer Zeit seiner Leidenschaft des Buchstabenmachens nachging \u2013 leise, bescheiden und Ruhe und Gelassenheit ausstrahlend, aber immer zielstrebig und bestimmend in seinem kreativen Tun.<\/p>\n<p>Ver\u00f6ffentlicht in: Stiftung Schriftkultur, Rundbrief 5, Sommer 2019<\/p>\n<p>&nbsp;[\/et_pb_text][\/et_pb_column]<br \/>\n\t\t[\/et_pb_row]<br \/>\n\t[\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In memoriam Hans Schmidt Ein Nachruf auf einen Ausnahmeschriftk\u00fcnstler von Heiner M\u00fcller \u201eIn der Herausarbeitung des Pers\u00f6nlichen, nicht in der Z\u00fcchtung des Perfekten, sehe ich die Chance f\u00fcr den Schriftunterricht und das Schreiben. 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Vor allem mu\u00df im Unterricht die Autorit\u00e4t der Vorlage abgebaut, dagegen die Phantasie angeregt werden, der Mut zur eigenen Form mu\u00df gest\u00fctzt und das Bewu\u00dftsein der Selbstverantwortung des Studenten mu\u00df aufgebaut werden.\u201c<\/i><\/span>\r\n\r\n<span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\">So schrieb Hans Schmidt 1983 im damaligen <\/span><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\"><i>hfg-forum<\/i><\/span><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\">, der Zeitschrift der Hochschule f\u00fcr Gestaltung in Offenbach am Main, anl\u00e4sslich seiner Verabschiedung von dieser Hochschule, an der er von 1963 bis 1983 zun\u00e4chst als Dozent und dann als Professor f\u00fcr Typographie und Schrift gelehrt hatte. <\/span>\r\n\r\n<span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\">Und dieser Mut zur eigenen Formfindung ist das, was den Schriftk\u00fcnstler Hans Schmidt so unnachahmlich und unverwechselbar macht: den Buchstaben diese einmalige \u201eHandschrift\u201c zu geben, die dem kreativen Prozess der Formfindung in Korrespondenz mit dem zu verarbeitenden Material eine Erscheinungsform verleiht, die man vergeblich bei einem anderen Schriftk\u00fcnstler finden wird.<\/span>\r\n\r\n<span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\">Hans Schmidt beschr\u00e4nkte sich bei seiner Arbeit mit den \u201eTypen\u201c nicht nur auf das Papier: Ob Pappe, Holz, Ton, Metall, Kunststoff, Plexiglas oder sonstige Materialien \u2013 im Zusammenwirken mit den von ihm ausgew\u00e4hlten Texten verstand es der Schriftk\u00fcnstler, Wortgestalt und Sinngehalt zu einer Einheit zu verschmelzen \u2013 auch wenn es f\u00fcr den Betrachter seiner Schriftkunst nicht immer einfach ist, die von ihm gestalteten Botschaften zu entziffern. Eine Schriftstele von ihm beinhaltet wohl nicht umsonst den Text <\/span><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\"><i>\u201eDas Problem entsteht durch die Betrachtung.\u201c<\/i><\/span><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\"> Aber wer nicht vorschnell aufgibt und den Textinhalt dann entr\u00e4tselt hat, dem bietet sich ein Aha-Erlebnis der besonderen Art, das Redaktionsmitglied Herbert Heckmann der o. g. Zeitschrift so zum Ausdruck brachte: <\/span><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\"><i>\u201eNach all den Konsumtriumphen g\u00e4ngiger Lesbarkeit, die den Leser zum allesglaubenden, alles hinnehmenden und alles verdauenden Opfer macht, kann nun ein subjektiverer, eigenwilligerer Ansatz, der den Leser nicht widerstandlos einlullt, zum Abenteuer des Lesens einladen.\u201c<\/i><\/span>\r\n\r\n<span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\">Wie kein anderer hat Hans Schmidt auch nach seiner Verabschiedung von der Hochschule in Offenbach als freischaffender Schriftk\u00fcnstler sich dieser Maxime verschrieben: mit immer wieder neuen, ungew\u00f6hnlichen Buchstaben- und Schriftformen zu experimentieren, diese mit den verschiedensten Materialien umzusetzen und so zu einem ganz besonderen Abenteuer des Lesens und Erkennens einzuladen.<\/span>\r\n\r\n<span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\">Im Dezember 2018, als ich Hans Schmidt zum letzten Mal in seinem Zuhause in Badenhard im Hunsr\u00fcck besuchte, fragte ich ihn, ob er sich denn auch mit der herk\u00f6mmlichen Kalligraphie besch\u00e4ftige. <\/span><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\"><i>\u201eWarum soll ich nachschreiben, was ein anderer lange vor mir geschrieben hat? Ich entwickele dagegen immer neue Buchstabenformen\u201c<\/i><\/span><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\">, war seine lapidare Antwort.<\/span>\r\n\r\n<span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\">Er schenkte mir damals eine seiner letzten Arbeiten, einen Holzschnitt, und ich suchte mir einen Text aus, der deutlich macht, wie sehr sich Hans Schmidt auch immer wieder mit dem \u00c4lterwerden und den damit verbundenen k\u00f6rperlichen Beeintr\u00e4chtigungen sowie mit dem Sterben auseinandergesetzt hat: <\/span><span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\"><i>\u201eWieder kommt Abschied an auf ganz alten Beinen, die Sprossen der Tage werden t\u00e4glich h\u00f6her.\u201c<\/i><\/span>\r\n\r\n<span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\">Auch im hohen Alter von 96 Jahren wurde Hans Schmidt bis wenige Wochen vor seinem Tod nicht m\u00fcde, bei seinen Buchstabenkreationen Holz zu s\u00e4gen, zu feilen, Dr\u00e4hte zu biegen, zu l\u00f6ten, Ton zu formen oder Papier zu schneiden \u2013 T\u00e4tigkeiten, die ihm viel Freude bereitet und ihn tief erf\u00fcllt haben \u2013 bis am Ende die Beine doch zu alt und die Sprossen der Tage doch zu hoch f\u00fcr ihn geworden waren und er am 14. Mai 2019 verstarb.<\/span>\r\n\r\n<span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\">Hans Schmidt wurde am 14. Januar 1923 in Leipzig geboren, wo er eine Lehre als Kartolithograph absolvierte. 1942 wurde er in den Wirren des Zweiten Weltkrieges zur Wehrmacht eingezogen, wo er ab 1944 \u2013 dank des erlernten Berufes \u2013 als Kartograph seinen Dienst versehen konnte. Das Schicksal brachte ihn dort mit Rudo Spemann zusammen, der ihm in der wenigen freien Zeit Schriftunterricht gab und seinen Blick f\u00fcr damals namhafte Schriftk\u00fcnstler wie F. H. Ernst Schneidler oder Walter Tiemann weitete. Nach Kriegsende geriet Hans Schmidt in Gefangenschaft, wurde aber wegen Verwundung und Krankheit schon bald entlassen, so dass er nach Leipzig zur\u00fcckkehren und 1947 sein Studium an der Akademie f\u00fcr Buchgewerbe und Graphik aufnehmen konnte. Schon nach vier Jahren wechselte er in den Beruf und arbeitete von 1951 bis 1963 als Typograph bei der Eggebrecht-Presse in Mainz; daneben hatte er Lehrauftr\u00e4ge f\u00fcr Schrift und Typographie an der Landeskunstschule in Mainz, bis er dann schlie\u00dflich, wie eingangs erw\u00e4hnt, an der HfG in Offenbach a. M. lehrte.<\/span>\r\n\r\n<span style=\"font-family: Palatino Linotype, serif;\">Nach seiner Emeritierung zog Hans Schmidt nach Badenhard in den Hunsr\u00fcck, fernab vom Trubel und der Gesch\u00e4ftigkeit der heutigen Zeit, wo in einer zum Atelier umgebauten Scheune eine neue Phase seiner Arbeit begann, n\u00e4mlich der \u00dcbergang von der Fl\u00e4che in die Dreidimensionalit\u00e4t. So entstanden Schriftzeichen als plastische Formen, als Kuben, als Pyramiden, Kugeln, als Buchstabenlandschaften oder als Stelen, um die man herumlaufen muss, um sie lesen zu k\u00f6nnen.<\/span>\r\n\r\nAnl\u00e4sslich der zweiten gro\u00dfen Ausstellung der schriftk\u00fcnstlerischen Arbeiten von Hans Schmidt im Klingspor-Museum in Offenbach am Main im Jahre 2008 sagte Direktor Stefan Soltek \u00fcber den K\u00fcnstler: <i>\u201eAuf Papier gezeichnet, gedruckt, in Holz geschnitzt, in Metall geschnitten, in teigige Tonmasse eingedr\u00fcckt \u2013 Hans Schmidt erweist sich als unersch\u00f6pflicher Meister der Materialien. Allem gewinnt er, genau kalkulierend oder intuitiv, jenes Spezifikum ab, das im Moment der jeweiligen Schaffensweise als Mittel zur Form taugt. Weichheit und W\u00e4rme, Gl\u00e4tte und K\u00fchle, Helligkeit und Dunkel, hoch aufstrebend zur stabartigen S\u00e4ule, breit gelagert als tabula ansata \u2013 Stofflichkeit in der ausgesuchten Beziehung zur Form macht sich Hans Schmidt fast nach Belieben zunutze, ohne je die eigene Stilistik zu verlieren. Stets ist er mit dem Kern seiner selbst zugegen, bedient sich dabei \u2013 als w\u00e4re es seine Signatur \u2013 ungeachtet aller materialen Vielfalt nur einer einzigen Konstante: der Versalie. Die Gemeinen bleiben ausgeklammert. Immer im Gro\u00dfgeschriebenen verbleibend, steigert sich nur umso markanter die Variabilit\u00e4t im Kontext von Form und ihrer stofflichen Ausf\u00fchrung. Gleich in welcher Dimension \u2013 gleichrangig rangiert die bis an die Grenze der Erstarrtheit versachlichte Form neben der geradezu oszillographisch das Temperament des Protagonisten abtastenden Linie; Linie, die im Auf- und Niederfahren Lesart evoziert, die als Haarriss durch Fl\u00e4che oder Kubus f\u00e4hrt. Schriftlinie als Verlaufslinie, als Lebenslinie, mit den verbl\u00fcffendsten Ausschl\u00e4gen, Winkelungen, Steigungen und Abl\u00e4ufen \u2013 alles k\u00fcndet unverstellt und eindeutig von dem am Schriftkanon entlang sp\u00fcrenden Hans Schmidt.\u201c<\/i>\r\n\r\n<a name=\"_GoBack\"><\/a>Auf einem gewebten Schriftteppich von Hans Schmidt aus dem Jahr 1959 hei\u00dft es: <i>\u201eEs gibt keine Grenzen der Dinge.\u201c (Christian Morgenstern)<\/i> Er hat diese Grenzen bis zuletzt ausgelotet, bis er merkte, dass das Ende nahe war. Die Welt der Schrift hat mit Hans Schmidt einen Ausnahmeschriftk\u00fcnstler verloren, einen, der fernab von der Hetze unserer Zeit seiner Leidenschaft des Buchstabenmachens nachging \u2013 leise, bescheiden und Ruhe und Gelassenheit ausstrahlend, aber immer zielstrebig und bestimmend in seinem kreativen Tun.\r\n\r\nVer\u00f6ffentlicht in: Stiftung Schriftkultur, Rundbrief 5, Sommer 2019\r\n\r\n\u00a0","_et_gb_content_width":""},"categories":[9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hansschmidt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26864"}],"collection":[{"href":"https:\/\/hansschmidt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hansschmidt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hansschmidt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hansschmidt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26864"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/hansschmidt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26864\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26872,"href":"https:\/\/hansschmidt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26864\/revisions\/26872"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hansschmidt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/26867"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hansschmidt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26864"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hansschmidt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26864"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hansschmidt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26864"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}