{"id":26386,"date":"2018-06-11T13:59:03","date_gmt":"2018-06-11T13:59:03","guid":{"rendered":"http:\/\/hansschmidt.de\/?p=26386"},"modified":"2018-08-12T15:28:34","modified_gmt":"2018-08-12T15:28:34","slug":"die-schrift-wird-nicht-verraten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hansschmidt.de\/?p=26386","title":{"rendered":"Javis Lauva: Die Schrift wird nicht verraten"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section bb_built=&#8220;1&#8243; admin_label=&#8220;section&#8220;][et_pb_row admin_label=&#8220;row&#8220; background_position=&#8220;top_left&#8220; background_repeat=&#8220;repeat&#8220; background_size=&#8220;initial&#8220;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243;][et_pb_text background_position=&#8220;top_left&#8220; background_repeat=&#8220;repeat&#8220; background_size=&#8220;initial&#8220; _builder_version=&#8220;3.11&#8243;]<\/p>\n<p>Die Schrift wird nicht verraten<\/p>\n<p>Das Abspringen der Bedeutung von der Schrift, die Verwandlung des Graphischen in den Klang der Sprache, l\u00e4sst die Buchstaben, die Urhebere unserer Vorstellungen, eigent\u00fcmlich leer zur\u00fcck. Wir lassen die Gedanken wie Flugzeuge von den Text-Bahnen aufsteigen und vergessen den Boden in der Luft. Nur ein Kind, das lernt, bewegt den Mund noch dicht an der Schrift. Das Schwerlesbare ist das noch nicht Eingepr\u00e4gte, die Schrift existiert noch nicht als Schrift im Ged\u00e4chtnis. Die Form h\u00e4lt die kindliche Aufmerksamkeit noch gefangen.<\/p>\n<p>Vor den Arbeiten von Hans Schmidt f\u00fchle ich mich manchmal wie ein Kind, das vergessen hat, f\u00fcr welchen Klang die Buchstaben denn stehen. Das aber ist die Chance des \u201eBildes\u201c, ist die Kunst Hans Schmidts, die Bedeutung der Worte nicht schnell herzugeben, sondern sie gleichsam zu sperren: Sie darf die Schrift nicht verlassen, sondern muss sie in ihrem Sinne verwandeln. Mit \u201eBild\u201c ist hier die Einheit des Text-K\u00f6rpers, des Form-K\u00f6rpers, gemeint &#8211; Skulptur also eingeschlossen -, der in allen so weit gespannten Formexperimenten Hans Schmidts unter der Empfindung einer \u201eWaage\u201c zu stehen scheint. Das \u00e4u\u00dfert sich beispielsweise in den \u201eallereinfachsten\u201c Schrift-Zeichnungen Hans Schmidts so, dass durch ein Durchzeichnen der Vertikal- und Horizontallinien der Buchstaben-Formen eine Vereinheitlichung des Form-Raumes errichtet wird, in dem durch Verst\u00e4rkung und Verengung eine Justierung des Form-Gleichgewichts stattfinden kann. Dieser Zug zum \u201eBild\u201c, zur formalen Ausgewogenheit, zur harmonischen Gewichtung, l\u00e4sst die Schrift zu einem \u00e4sthetischen Vehikel werden, das von hier aus weitere Bereiche an sich binden kann. Das lenkt die Arbeiten von Hans Schmidt an die Seite einer abendl\u00e4ndischen Bild-Tradition des inneren Form-Gleichgewichts, die manchmal aufgek\u00fcndigt, dennoch ungebrochen fortwirkt.<\/p>\n<p>Und doch: Die Schrift wird nicht verraten! Das Kunstst\u00fcck Hans Schmidts, sein \u201eSpaghat\u201c, besteht in dem Versuch, die Schrift in den Bild-Raum, in ihre formale Autonomie zu f\u00fchren, um gerade dadurch ihren Inhalt deutlicher zu machen. Dies geschieht durch eine Art Bannung. Der Inhalt wirkt an der Bild-Bewegung mit, nimmt an der Formierung teil, wird Teil der Arbeit, wird sichtbar und lesbar zugleich.<\/p>\n<p>Sprechen wir bei Hans Schmidts Arbeiten ruhig auch von Schrift-Zust\u00e4nden, die das Gegebene unserer Schrift an den Rand ihrer Form f\u00fchren, von dem wir hinabsehen in die Zeiten einer Schriftgenese, die urspr\u00fcnglich \u201creines Bild\u201d gewesen sein mag, sich selbst verpflichtet. Es mag diese vielleicht intuitive Besinnung auf den Ursprung unserer Schrift sein, die \u00fcber die Arbeiten von Hans Schmidt auch unseren Blick sch\u00e4rfen kann f\u00fcr die angelegten Bez\u00fcge in unserer Schrift, auch f\u00fcr deren Verschiebbarkeit und Transformierung.<\/p>\n<p>Befragen wir in diesem Sinne die ausgestellte Skulptur MARS: Wir sehen vor uns eine Reihe von Stahlst\u00fccken, vier Buchstaben auf einen Balken montiert, die den Namen des r\u00f6mischen Kriegsgottes MARS in einer Zeile marschieren lassen. Der Name des Kriegsgottes, verdeutlicht in Stahl, das ist naheliegend, er\u00f6ffnet die lange Reihe der H\u00e4rten: Schwert, R\u00fcstung, Helm, Geschoss, Kanone. Die Buchstaben selbst scheinen der Gewalt des Gottes ausgesetzt und ihm zu eigen gemacht worden zu sein. Sie sind durch einfache Schnitte, durch Hiebe gekappt, gekerbt, zerteilt worden. Durch diese Streiche, so m\u00f6chte man sagen, schuf sich der Gott Klingen f\u00fcr Lanze und Beil. Die Buchstaben: Klingen!<\/p>\n<p>Das M, durch einen Schnitt in zwei genau gleiche Teile, in zwei Klingen zerlegt, erzeugt durch sein spiegelbildliches Gegeneinander sowohl die Vorstellung eines inneren Kampfes, als auch durch seine identischen Teile gleichsam eine Reihe von Soldaten. Dieses spiegelbildliche Prinzip ist bei allen Buchstaben erhalten. Beim A gelingt die Halbierung \u00e4hnlich leicht wie beim M, das R und das S spiegeln einander ihre H\u00e4lften. Die Armee der Buchstaben, martialisch geschmiedet, haben MARS sichtbar gemacht. Das Sichtbare tritt neben das Lesbare und wird von ihm aufgenommen, beides verschmilzt miteinander.<\/p>\n<p>Dieses Verfahren, alle Ebenen des Lesbaren und Sichtbaren miteinander zu verst\u00e4ndigen, das ist das Zentrum des Schaffens von Hans Schmidt. Hans Schmidt verschafft dem Lesbaren ein Ansehen. Die Buchstaben werden wieder \u201cBild\u201d.<\/p>\n<p>Javis Lauva<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schrift wird nicht verraten Das Abspringen der Bedeutung von der Schrift, die Verwandlung des Graphischen in den Klang der Sprache, l\u00e4sst die Buchstaben, die Urhebere unserer Vorstellungen, eigent\u00fcmlich leer zur\u00fcck. Wir lassen die Gedanken wie Flugzeuge von den Text-Bahnen aufsteigen und vergessen den Boden in der Luft. 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